Linsmayers Kritik
Zwischen Sorge und Hoffnung unentschieden
Mit dem am 17.Januar uraufgeführten Stück «Chamäleon» machen Philipp Jescheck und Sebastian Gfeller aus einer ambitionierten Umfrage bei Berner Jugendlichen ein hinreissendes Theatererlebnis
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Charles Linsmayer Publiziert am 19. Januar 2026 um 08:00 Uhr |
Der Bühnenraum ist mit etwa dreissig Stühlen verstellt, keiner wie der andere, und vielleicht sollen die Sitzgelegenheiten an die 300 Lehrlinge und Gymnasiasten erinnern, die in 20 Schreibworkshops «ihre Themen, Gedanken und Sätze» zu jener Sammlung von chamäleonhafter, schnell sich wandelnder Vielfarbigkeit beigesteuert haben, die nun als eine Art szenischer Kinsey-Report die Befindlichkeit der heute 14 bis 24Jährigen spiegeln soll. «Grau, teurer Freund, ist alle Theorie, und grün des Lebens goldner Baum», hat einer geschrieben, der nun wirklich etwas von Theater verstanden hat, und Gott sei Dank gilt das auch von Sebastian Gfeller und Philipp Jescheck, haben die beiden doch aus ihrem Material etwas gemacht, was nur noch von ferne an die Sondierungen in den Berner Schulhäusern erinnert.
Quicklebendige Jugendlichkeit
Was sie während 80 Minuten auf die kaum wiederzuerkennende Bühne des Effingertheaters zaubern, hat jedenfalls Drive und Schmiss, strahlt Witz, Fröhlichkeit und Lebenslust und vor allem quicklebendige Jugendlichkeit aus. Das beginnt schon mit dem Bühnenbild, sind doch die 30 Stühle nicht bloss zum Sitzen da, sondern gliedern den Raum immer wieder neu, werden begangen, zu einem Berg getürmt, und wenn die zwei Protagonisten die im Boden versteckte Drehbühne zum Laufen bringen, sind sie Teil eines bunt herumwirbelnden Karussells. Dazu kommt etwas, was in dem Theater, in dem es bis anhin schwierig war, nur schon einen Beamer aufzutreiben, eine ganz neue Epoche eröffnet: Video als integrierender Teil der Aufführung! Es sind nur drei Personen auf der Bühne, aber dank einer Kamera, die sie selbst in Händen halten, weitet sich das Geschehen auf den weiss belassenen Wänden zu einem Pandämonium mit übergrossen Gesichtern und vielerlei Elementen aus, das dem Geschehen Fülle und Lebendigkeit vermittelt. Zum optischen aber kommt das rhythmisch-akustische Element hinzu, ist die ganze Aufführung doch über die eigentlichen Gesangsszenen hinaus konsequent durchgetaktet und kommt einem in ihren Höhepunkten wie eine fulminante Rockoper vor.
Grossartige Besetzung
Eng mit dem ganzen Arrangement verquickt ist, um etwas zu den Protagonisten zu sagen, die agile Cornelia Werner als ein Nemo, der nicht das Leiseste mit der berühmt gewordenen Person des Namens zu tun hat, sondern in immer wieder wechselnden Rollen und vor allem auch in pfiffigen Gesangseinlagen den beiden Protagonisten zudient, die ohne Abstrich das Hauptereignis des Abends sind. Larissa Keat als Leonie: quirrlig-temperamentvoll, ständig in Bewegung, irgendwie zwischen Stuntfrau und zärtlicher Geliebter. Fabio Savoldelli als Leo: ein Hüne voller Scheu, dann wieder in bubenhafter Ausgelassenheit, bereit zu jeder Dummheit, zu der ihn die energische Leonie verführt. Beide zugleich bestimmt und befangen in einer Welt, die ununterbrochen Virtuell-Digitales mit realen Erlebnissen in Bezug setzt.
Eine bunte Szenenfolge
Es ist eine einfache Geschichte, eher eine Szenenfolge, die den Abend bestimmt. Die zwei treffen sich in einer Bar, und Leonie will partout, dass Leo anfängt «für sich einzustehen», was «für einen Typ mit seinem Level an Unbeholfenheit» gar nicht so einfach sei. Das, was neudeutsch «challenge» heisst, sind Mutproben, denen Leo sich unterwerfen muss: jemandem 50 Franken abbetteln, vor vielen Leuten eine Rede halten, in den Theater-Fundus einbrechen und sich verkleiden. Wobei das letztere die lustigste, aber auch tiefsinnigste Passage der Aufführung ermöglicht, als die beiden, sie als Schwein, er als Schaf, an der Vernissage für ein bisher unbekanntes Bild des nach wie vor nicht aus der Anonymität herausgetretenen Künstlers Banksy teilnehmen. Von Leonie kurzerhand zu Banksy erklärt, spricht Leo da von den Masken, die «jeder von uns trägt, bis wir nicht mehr wissen, ob der Mensch darunter echt ist.» Eine köstliche Szene ist auch, als die beiden bis hin zum «jetzt darfst du mich küssen» Verlobung und Hochzeit feiern – nur so im Spiel, aber in Gestik, Mimik und Tonfall eben doch eine wirkliche Verliebtheit verratend.
Und die Frage nach der Zukunft ?
Gegen Schluss sind die zwei in einem Wald – aus Stühlen natürlich! – und werden von Nemo zu ihren Vorstellungen von Zukunft befragt. Wobei Leonie vom blossen Nachdenken darüber schon Kopfweh bekommt, während Leo zwischen der Hoffnung auf eine Zukunft, in der Krieg, Klimawandel oder bedrohte Artenvielfalt keine Probleme mehr sind, und der Angst, dass «die Albträume, die man hat, in Wirklichkeit passieren», hin und her gerissen ist. Diese Haltung, die Hoffnung mit Ratlosigkeit verbindet, kommt auch in dem naiven Gedicht zum Tragen, das Leo, von Leonie dazu gedrängt, etwas beschämt zum Besten gibt und das von einer Wasserpfütze handelt, die davon träumt, «materiell zu werden, ein Lebewesen quasi, neues Land zu entdecken und sich umsetzen zu können». Momente, in denen vielleicht dann doch etwas von dem aufleuchtet, was die Jugendlichen bei jenen «Workshops» geäussert haben könnten.
Während draussen in der Stadt die Polizei gewaltbereite Jugendliche von einem Umzug durch die Spitalgasse abhält, endet die Aufführung damit, dass die zwei Protagonisten verliebt dem Sonnenaufgang zuschauen und von seinen Farben hingerissen sind. Bis Leonie schliesslich voller Wucht ihr Handy auf den Boden schmeisst. «Bist Du bescheuert?» fragt Leo. «Nee. Grad nicht», antwortet sie.
Der Applaus war begeistert und lang andauernd, obwohl eigentlich fast keine Jugendlichen im Saal waren. Die haben bei den angesagten 20 Schulvorstellungen in den nächsten Wochen die wunderbare Überraschung noch vor sich!

Charles Linsmayer
Charles Linsmayer ist einer der profiliertesten Schweizer Literatur- und Theaterkritiker. Seit Jahrzehnten prägt er die kulturelle Landschaft mit präzisen Analysen, fundiertem Wissen und einer unverkennbaren Leidenschaft für Sprache und Bühne. Als Autor, Herausgeber und Vermittler öffnet er neue Perspektiven auf klassische wie zeitgenössische Werke und macht komplexe Zusammenhänge zugänglich. Mit seinem feinen Gespür für Dramaturgie und Kontext schafft Linsmayer Orientierung in einer vielfältigen Theaterwelt und inspiriert Publikum wie Fachwelt gleichermassen.
