Linsmayers Kritik
Zusammensein ist wichtiger als Tanzen
Stefan Meier bringt im Theater an der Effingerstrasse «Bollywood Girls» von Hübner und Nemitz als Auftragswerk zur Uraufführung.
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Charles Linsmayer Publiziert am 2. November 2026 um 08:00 Uhr |
Bollywoodfilme sind in der Schweiz ein Begriff geworden, seit ihre Regisseure die idealisierte Bergwelt, die sie dem trostlosen Alltag gegenüberstellen, in den Schweizer Alpen lokalisieren und ganze Schwärme von Filmbegeisterten anreisen, um die Originalschauplätze zu sehen. Und längst haben sich auch die Tänze, die in den Filmen eine zentrale Rolle spielen, in der realen Welt etabliert und werden auch in Europa von Tanzschulen angeboten. In der Garderobe eines solchen Etablissements spielt auch das Theaterstück «Bollywood Girls», das Lutz Hübner und Sarah Nemitz, deren Stücke in dem Haus schon mehrfach zu sehen waren, als Auftragswerk des Theaters an der Effingerstrasse geschrieben haben und das da am 31. Oktober Premiere feierte.
Ein Paradebeispiel für Gruppendynamik
Satori heisst im Stück die Tanzschule, und für die vier Hobby-Tänzerinnen, die da Woche für Woche nach der immer gleichen Choreographie ihren Auftritt haben, ist sie, wie eine von ihnen, die Galeristin Debbie, schwärmt, «der einzige Ort, an dem ich das Gefühl habe, die Maschine kurz ausschalten zu können.» Debbie wird von Dascha von Waberer gespielt, und die andern Mitglieder des Tanzquartetts sind die Chirurgin Charly (Kornelia Lüdorff), die Verwaltungsbeamtin Chiara (Charlotte Krenz) und als jüngste von ihnen die Web Designerin Frieda (Julia Sewing).
Anders als in der legendären amerikanischen Serie Desperate Housewives liegt dem Stück nicht eine zusammenhängende Handlung zu Grunde, sondern erscheint das Dargebotene als ein Paradebeispiel von Gruppendynamik, bei dem man aus den Gesprächen miteinander und über einander das Wesentliche über die vier Frauen erfährt, die mit unterschiedlichen Vorstellungen und Ansichten bald einmal in Konflikte miteinander geraten. «Frauen, die unter sich sind, interagieren anders als gemischte Gruppen», lässt sich Lutz Hübner im Programmheft zitieren, «welcher Ton da herrscht und wie Konflikte gelöst werden, hat uns interessiert. Denn reine Frauengruppen sind nicht per se harmonisch und solidarisch.»
Explosive Stimmung
Und das ist dann tatsächlich das Packende dieser von Stefan Meier mit Leidenschaft in Szene gesetzten Uraufführung. Vereinfacht gesagt geraten Debbie und Charly mit den zwei jüngeren Frauen, der leicht entflammbaren, fast etwas autistischen Frieda und der eher besonnenen Chiara in wechselnden Zusammenhängen in einen Konflikt, der bald einmal ein explosives Klima hervorruft, das es immer fraglicher erscheinen lässt, ob das Tanzstück, das die vier Frauen als Teil einer im Hintergrund bereits angelaufenen Vorstellung zum Besten geben sollen, überhaupt zur Aufführung gelangen wird. Und vielleicht ist es dann etwas, was eine Frauengruppe einer gemischten Besetzung voraushat, dass es wider Erwarten doch noch zur Versöhnung kommt und als Höhepunkt des Abends tatsächlich ein hinreissendes Tanzstück präsentiert wird, das dem Publikum begeisterten Applaus entlockt.

Das traurige Ende stellt den Frieden wieder her
Die Euphorie kippt aber schon bald in Enttäuschung über, als der Tanzlehrer am Lautsprecher bekannt gibt, dass er nach Amerika zieht und das Satori geschlossen wird. Die Hiobsbotschaft schweisst die vier Frauen, die eben noch in heftigen Rivalitäten zerstritten waren, zu einer solidarischen Gruppe zusammen. Liebevoll kümmern sie sich um Frieda, die in Ohnmacht fällt, weil sie sich die Schuld am Untergang der Tanzschule zuschreibt, und in dem Moment, wo alles zu Ende ist, gibt Frieda einem gemeinsamen Gefühl Ausdruck, als sie erklärt, dass für die vier Frauen gar nicht das Tanzen das Schönste gewesen sei, sondern «mit euch nachher noch hier zu sein und zu reden, dann zu duschen, das ist so gemütlich, das fühlt sich so gut an.»
Ein Abend mit vier herausragenden Schauspielerinnen, bei denen tatsächlich nicht das Tanzen das wichtigste ist, sondern die überzeugend nachgezeichneten Charakteristiken von vier ganz unterschiedlichen Frauen, die sich in der Garderobe einer Tanzschule wie zufällig zusammenfinden.
